Der Mann mit dem Kuckuck
Gerichtsvollzieher kassieren dort, wo es vermeintlich nichts mehr zu holen gibt. Timo Pipp ist in Frankfurt unterwegs. Täglich erlebt er Kurioses.
Von Inga Catharina Thomas
Der Mann an der Wohnungstür ist so farblos wie die untapezierte Wand. „Was wollen Sie?“, fragt er und klingt kaum freundlicher als der kläffende Hund in Knöchelhöhe. „Ich komme vom Amtsgericht“, sagt Timo Pipp. „Gerichtsvollzieher?“ Pipp nickt. Der Mann mustert den Besucher in Jeans und Turnschuhen, tritt zwei Schritte zur Seite. „Na gut. Kommen Sie.“
In der Ecke des Wohnraums liegt eine Matratze, auf einem Stuhl stapeln sich Hosen und Hemden. Gelüftet wurde lange nicht. „Ich habe hier einen Vollstreckungsbescheid“, sagt Pipp. „Es geht um eine Rechnung für eine Krankenwagenfahrt, die Sie nicht bezahlt haben.“ – „Ach das. Ist doch schon über zehn Jahre her.“ – „Die 900 Euro müssen Sie trotzdem zahlen.“ Der Mann zuckt mit den Schultern. „Ich lebe von 320 Euro im Monat. Ich kann nichts zahlen.“ Dann lacht er. Frei von Fröhlichkeit.
Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit gibt es nicht erst seit der Wirtschaftskrise. Das Amtsgericht Frankfurt erteilte in den vergangenen zwei Jahren jeweils etwa 67.000 Vollstreckungsaufträge. Dass die Zahl 2009 nicht nach oben geschossen ist, liegt nach Einschätzung der Justiz am Schonfaktor Kurzarbeit. Dadurch verzögere sich die Schuldenentwicklung bei Privatleuten um sechs bis zwölf Monate. Aber ankommen, da ist das Amtsgericht sicher, werde die Krise auf jeden Fall noch.
45 Gerichtsvollzieher in Frankfurt
Krisensicher dagegen ist der Beruf des Gerichtsvollziehers. In Frankfurt kassieren 45 Männer und Frauen dort, wo es vermeintlich nichts mehr zu holen gibt. Einer von ihnen ist der 28 Jahre alte Timo Pipp. Sportlich ist er; mit den kurzen dunklen Haaren entspricht er nicht dem Klischee vom Unsympathen.
„Ein Bekannter meiner Mutter war Gerichtsvollzieher“, sagt Pipp. „Mir gefiel, dass man Beamter ist, aber sehr selbständig arbeitet.“ So entschied er sich nach der Fachhochschulreife für eine Ausbildung zum Justizsekretär. Auf zwei Jahre Berufspraxis folgte die Fortbildung zum Gerichtsvollzieher. 20 Monate lang paukte Pipp unter anderem die Zivilprozessordnung. Auch ein Kurs in Selbstverteidigung stand auf dem Lehrplan. „Angegriffen wurde ich im Job aber noch nie.“ Nur mit Worten werde er attackiert. Er bleibe höflich, erkläre in Ruhe den Sachverhalt. „Es bringt mir nichts, wenn ich aggressiv auftrete. Wer nichts hat, kann nichts zahlen. Und meistens sagen die Leute am Ende selbst: Sie machen ja nur Ihren Job.“
2000 Verfahren im Jahr - pro Mann
Im März 2007 übernahm Pipp seinen Bezirk zwischen Alter Oper und Berger Straße, er bearbeitet etwa 2000 Verfahren im Jahr. Vier Tage in der Woche ist er unterwegs, an zwei Tagen hat er Sprechstunde im Amtsgericht.
Dienstags und donnerstags stellt er im Gebäude A, Zimmer 113, seinen Laptop auf, stapelt Akten und Formulare auf dem abgewetzten Schreibtisch. Im Viertelstundentakt öffnet und schließt sich die Tür, gibt ein Schuldner nach dem anderen Auskunft über sein nicht vorhandenes Vermögen. Wer hier Platz nimmt, kann meist weder Haus noch Auto, noch Boot vorweisen. Auch wenn ihn eine Wolke französisches Herrenparfüm umgibt.
„Es gibt keinen typischen Schuldner, das reicht von Hartz IV bis zum Banker“, sagt Timo Pipp. Im vergangenen Jahr hat er mehr als 500 000 Euro Schulden eingezogen. Der höchste Einzelbetrag jemals lag bei 27 Millionen Euro: „Da ging es um ein Grundstücksgeschäft in der Innenstadt.“ Meist seien es jedoch kleine Beträge, zwischen 200 und 1000 Euro. Unbezahlte Rechnungen fürs Handy, fürs Fitnessstudio. Andere sind durch Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Unfall ins Minus gerutscht – ohne Aussicht auf Änderung. „Manche begrüßen mich wie einen alten Bekannten. Sie haben irgendwann akzeptiert, dass der Gerichtsvollzieher immer wieder zu Besuch kommt.“
Zustellungen über Lohn- und Kontopfändungen
An diesem Morgen ist Pipp in Bornheim unterwegs. 30 Adressen hat er auf der Liste. Ratenzahlungen, förmliche Zustellungen über Lohn- und Kontopfändungen, das Gros sind Vollstreckungsaufträge. „Es gibt Straßen, wo ich fast in jedem Haus war“, sagt er. „Ich hätte vorher nicht gedacht, dass es so viele Leute betrifft.“
Etwa ein Vierteljahr vergeht zwischen erster Mahnung und Vollstreckungsauftrag. Gewöhnlich klingelt Pipp unangekündigt, um die Zahlung einzufordern: bar, per Überweisung oder in Raten. Notfalls per Pfändung. Dann heftet er Pfandsiegel – im Volksmund Kuckuck genannt – auf Uhren, Möbel oder andere Wertgegenstände. Die Pfandsiegel sollen den Verkauf an Dritte unterbinden. „Aber pfänden tue ich vielleicht zehn- bis zwanzigmal im Jahr“, sagt Pipp. „Meistens besitzen die Leute nichts von Wert.“ Der Gläubiger kann im nächsten Schritt eine eidesstattliche Versicherung vom Schuldner verlangen. Wenn diese aber ebenfalls kein Vermögen aufdeckt, geht er leer aus.
Wird Pipp nicht eingelassen, steckt er dem Schuldner einen Brief mit der Ankündigung seines nächsten Besuchs in den Postkasten. Bleibt die Tür dann wieder verschlossen, folgt eine Ladung zur eidesstattlichen Versicherung ins Amtsgericht. Bleibt der Schuldner fern, wird Haftbefehl erlassen. Wer auch dann seinen Besitz nicht offenlegt, kann bis zu sechs Monate lang in Beugehaft genommen werden. „Die Leute könnten sich viel Ärger ersparen, wenn sie mich bei Fragen kurz anrufen würden“, sagt Pipp. „Meine Handynummer steht auf allen Unterlagen.“
„Zehn Kilometer pro Tour“
Der Gerichtsvollzieher läuft, Parkplätze sind rar. „Zehn Kilometer pro Tour“, schätzt Pipp. Gehen ist gut für die Ausdauer, Aktentragen für die Oberarme, Treppensteigen für die Beine. Wer ins Schuldenloch fällt, wohnt nicht zwangsläufig im Keller. Wieder und wieder steigt Pipp im Halbdunkel die Treppenhäuser hinauf, begleitet vom Knarren der Stufen. Oben bellt manchmal nur ein Hund. Oder es riecht nach Essen, die Tür aber bleibt zu.
Manchmal weiß Pipp schon beim Blick auf den Briefkasten, ob der Aufstieg Sinn hat. „Überquellende Briefkästen sind ein guter Indikator“, sagt Pipp, als er bei einer Frau am Luisenplatz einen Haftladungsbefehl in den Schlitz quetscht. „Das ist die Vogel-Strauß-Methode. Öffnen über Wochen oder Monate ihre Briefe nicht, weil ihnen alles zu viel geworden ist.“ Zu dieser Dame werde er bei Gelegenheit mit dem Schlüsseldienst kommen und die Wohnung öffnen lassen. Sie schuldet einem Versandhaus 1700 Euro. „Dann wollen wir mal sehen, ob die nicht doch da ist.“
Manche Tür bliebe besser verschlossen. So erzählt Pipp mit viel Liebe zum Detail die Geschichte von der Etagenwohnung, in der sich der Unrat fast bis zur Decke türmte. Zusammen mit den Männern vom Räumungsteam musste er im Schutzanzug über mehrere tausend leere Bierflaschen und Rollmopsgläser hinwegrobben. Das Bad war voller Kot, die Toilette verstopft. Der Mieter hatte zuletzt wohl in die Flaschen uriniert – die jedoch mit der Zeit undicht wurden. „Der ganze Sutsch ist zum unteren Mieter durchgetropft“, sagt Pipp. „Ich hab’ ein Foto mit meinem Handy gemacht. Sonst glaubt das niemand.“
„Wo soll ich denn da auch suchen?“
Ganz anders sieht an diesem Morgen eine Wohnung an der Herbartstraße aus. Was die eine zu viel hatte, hat diese zu wenig. Denn als die Mieterin, die Pipp mit einem Lächeln und der Tochter auf dem Arm begrüßt, ihn in die Wohnung bittet, sind die Zimmer fast leer. Kein Tisch, keine Stühle, keine Schränke. Im Wohnzimmer stehen neben Couch und Fernseher nur Wäscheständer und Bügelbrett.
Nachdem der Ehemann versichert hat, dass er mit seinem nächsten Gehalt die Schuld tilgen werde, verzichtet Pipp vorerst aufs Pfänden. Und darauf, die Wohnung auf Wertgegenstände zu durchsuchen. „Wo soll ich denn da auch suchen? Die haben ja noch nicht mal Schränke“, sagt der Gerichtsvollzieher und streicht die Familie von seiner Liste. Am Ende verabschiedet sich die Frau mit einem Händedruck und ruft: „Auf Wiedersehen.“
