Taufe hinter Gittern
Patient der Merziger Klinik für Forensische Psychiatrie hofft auf einen Neuanfang
Seelsorge als Bestandteil psychotherapeutischer Behandlung von Straftätern: Darauf setzt die Klinik für Forensische Psychiatrie in Merzig. Seit einem Jahr werden hier regelmäßig katholische Gottesdienste gefeiert. Jetzt ließ sich ein Patient taufen.
Von SZ-Redaktionsmitglied Inga Catharina Thomas
Merzig. Regen tropft am Natodraht herab. Die rasiermesserscharfen Klingen müssen wohl die Wolken durchschneiden, so tief hängen sie an diesem Dezembertag. Hinter dem Gitter steht grau und fest der Sicherheitsblock der Klinik für Forensische Psychiatrie. Hier in Merzig sitzen jene Männer und Frauen, die zum Zeitpunkt ihrer Verbrechen geistig gestört, alkohol- oder drogenabhängig waren – und somit vor Gericht für schuldunfähig oder vermindert schuldfähig erklärt wurden. 150 werden zur Zeit therapiert. Nun wird einer von ihnen getauft.
Der Pförtner hinterm Panzerglas lässt sich den Ausweis durch eine Lade zuschieben. Dann geht die erste von zwei Schleusen auf. Pfleger führen durch Gänge, öffnen schließlich die Tür zum Andachtsraum. Wo sonst richterliche Anhörungen stattfinden, stehen nun zwanzig Holzstühle. Die kahlen Wände sind sommerlich gestrichen, in Gelb und Türkis. An der Stirnseite Altar und Lesepult. Dahinter ein wandfüllendes, vergittertes Fenster mit Aussicht auf den düsteren Nachmittag.
„Es ist ein Höhepunkt meiner Arbeit, einen Patienten der Forensik in die Kirche aufzunehmen“, begrüßt Pfarrer Lothar Wilhelm den Täufling und seine Gäste. Der 34-jährige Vitali hat fast schüchtern auf dem Stuhl zur Rechten des Pfarrers Platz genommen. Ganz gerade sitzt er da, den schwarzen Anzug frisch aufgebügelt. Wegen Körperverletzung und Raub unter Drogeneinfluß verurteilt, ist er seit zehn Monaten Patient in der Forensik. Trotz dieses Strafregisters – nun ist Vitali aufgeregt. Seine Gesichtszüge erstarren. Gegenüber lächeln ihm Eltern, Schwester und Tante Mut zu.
„Durch die Taufe werden wir hineingeboren in das Leben mit Gott“, sagt Pfarrer Wilhelm mit weicher Stimme und die muskulösen Männer, die auf der gleichen Station wie Vitali behandelt werden, senken die Köpfe. Unter einem Kragen lugt ein Spinnentattoo hervor. „In der Taufe erhalten wir eine neue Würde“, fährt der Pfarrer fort. „Es ist dann nicht entscheidend, wer wir in den Augen der Menschen sind, sondern in den Augen Gottes. Und wie Gott mich ansieht, so schaut er genauso die anderen an. Sogar den Verbrecher.“ Ganz kurz zucken Köpfe, scharren Füße. Dann setzt Pfarrer Wilhelm zum „Halleluja“ an, und die Männer singen dumpf mit, als wäre es ihnen unangenehm, vor ihren Nachbarn die Stimme zu erheben.
Dann die Taufe. Vitali steht breitbeinig mit verschränkten Händen vor dem Geistlichen. Der fragt ihn: „Widersagst Du dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“ „Ich widersage“, kommt die Antwort mit rollendem R. „Glaubst Du an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde?“ „Ich glaube.“ Vitali kniet nieder vor dem silbernen Kännchen mit Taufwasser. Pfarrer Wilhelm läßt es in einem dünnen Rinnsaal über die kurzrasierten Haaren laufen, sagt: „Ich taufe Dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Zuletzt treten vier Mitpatienten an den Altar. Einzeln verlesen sie ihre Wünsche für Vitalis Zukunft: Glaubensmut und Glaubenskraft, Gottes Hilfe bei der Neuausrichtung des Leben. Dann spricht Vitali. Er hat eine Bitte, die für alle gilt: „Beschütze unsere Familien und alle Menschen, die uns wichtig sind.“ Nur noch wenige Monate, dann kann Vitali in den offenen Vollzug wechseln, seine Familie regelmäßig sehen. Die Taufe hat ihm Mut gegeben: „Ich fange ein neues Leben an. Mit Gottes Hilfe fällt mir das leichter.“ Er lächelt.
