Bildungsforscher fordern Lehrerbezahlung nach Leistung
Arbeitgebernahe Institute plädieren dafür, Pädagogen unter anderem dafür zu belohnen, wenn sie an Problemschulen oder in Fächern mit viel Arbeitsaufwand unterrichten
Mehr Geld für engagierte Lehrer – dafür hat sich gestern eine Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ausgesprochen. Im Saarland trifft die Idee der leistungsorientierten Bezahlung auf geteiltes Echo.
Von SZ-Redaktionsmitglied Inga Catharina Thomas
Berlin/Saarbrücken. Lehrer, die sich überdurchschnittlich in Schule und Unterricht engagieren, sollen mehr Geld für ihre Leistung erhalten. Dies fordert eine gestern in Berlin vorgestellte Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt hat. „Ein motivierter Lehrer wird auch motivierte Schüler haben“, gaben Oliver Stettes und Helmut Klein vom IW die Denkrichtung vor. Dafür solle ein neues Besoldungssystem sorgen: Statt nach Dienstjahren würden frisch eingestellte Lehrer nach Leistung bezahlt. Sie würden ein Basisgehalt verdienen, das sich dank Zulagen und Prämien um bis zu 19000 Euro im Jahr erhöhen könnte – also bis zu über 50 Prozent des Ursprungsgehalts. Diese Extravergütungen fließen beispielsweise an Lehrerkräfte, die an Problemschulen oder in benachteiligten Regionen unterrichten, die Arbeitsgemeinschaften leiten oder Führungsfunktionen übernehmen. Auch Fächer wie Naturwissenschaften und Mathematik, in denen Lehrermangel herrscht, sollen hierdurch attraktiver werden. Der Zeitpunkt für die Einführung des neuen Besoldungssystems könnte nach Ansicht des Kölner Instituts nicht günstiger sein: Bis 2016 gehen in Deutschland rund ein Drittel der etwa 650000 Lehrer in Pension.
Im Saarland werden es laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) etwa 3500 der gegenwärtig rund 8000 Lehrer sein. Damit stehe den Ländern jährlich zusätzliche 616 Millionen Euro zur Verfügung stehen – die nachrückenden Jung-Lehrer verdienten meist sechs Besoldungsstufen weniger. Die Summe könnte sich sogar auf bis zu 2,7 Milliarden im Jahr 2016 erhöhen. Aber nur, wenn bei den Jungen die Besoldung nach Dienstjahren abgeschafft und bei den Alten eingefroren würde. Im Saarland würden dadurch bis zu 37 Millionen Euro frei.
Die saarländische Bildungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz, begrüßte die Ergebnisse der Studie: Es gebe „diskussionswürdige Ansätze“. In Deutschland herrsche zurzeit ein System, „wo die Bezahlung der Lehrer relativ hoch ist, wir aber relativ wenige Anreize bieten“. Bereits im Zuge der Diskussion um die Besoldung im öffentlichen Dienst habe es Vorschläge zu mehr Leistungsorientierung und Zulagen gegeben. Diese auch im Bildungsbereich umzusetzen, sei bisher an der Frage gescheitert, wie man gute Leistungen messen könne. Kramp-Karrenbauer: „Die Ansatzpunkte der Studie sind gute Punkte, die in die laufenden Diskussionen einfließen können.“
Auf Ablehnung traf das Besoldungsmodell der Kölner Bildungsforscher dagegen beim Saarländischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (SLLV) und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Kriterien, nach denen in der Wirtschaft Leistung gemessen würden, seien in der Schule nicht angemessen, sagte SLLV-Vorsitzender Herbert Möser. So sei es ein schlechtes Beispiel, Lehrer mit Geld für die Arbeit in einer schwierigen Klasse gewinnen zu wollen. „Ein Lehrer braucht nicht 200 Euro mehr auf dem Konto, sondern bessere Rahmenbedingungen, also einen Co-Lehrer oder sozial-pädagogische Unterstützung“, stellte Möser klar. GEW-Chef Klaus Kessler warnte vor einem Wettbewerb der Länder um die qualifiziertesten Nachwuchskräfte. Schon jetzt sei die Abwanderung junger Lehrer in finanzstarke und damit besser zahlende Bundesländer zu beobachten, so Kessler: „Das würde sich dann noch verstärken.“
Hintergrund
Schülern, Studenten, Lehrer und Eltern wollen heute in Berlin für eine bessere Bildung auf die Straße gehen. An den bundesweiten Schulstreiks beteiligen sich Schüler in über 40 Städten. Schulen aus dem Saarland sind nach Informationen des saarländischen Innenministeriums am Streik nicht beteiligt. Alleine zur Berliner Kundgebung werden 10000 Teilnehmer erwartet.
Die Ziele der Jugendlichen sind klar umrissen. „Wir wollen für alle einen freien, kostenlosen und gleichberechtigten Zugang zu Bildung“, sagt Lee Hielscher, Sprecher der Berliner Landesschülervertretung. Die Schüler fordern Klassengrößen mit maximal 20 Schülern, mehr Lehrer und mehr Geld für Lehrmittel. Auch die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems liegt den Jugendlichen am Herzen. „Die Einteilung in Gymnasien, Real- und Hauptschulen spaltet die Gesellschaft“, kritisiert Lee. afp/red
