Mancher Juwelier hat trotz Krise glänzende Umsätze
Wer meint, in der Wirtschaftskrise werde überall gespart, der irrt. Mitten in der Rezession expandiert die Schmuckbranche - auch in Frankfurt und in Rhein-Main.
Von Inga Catharina Thomas
Als der Edel-Juwelier Wellendorff kürzlich seine neue Boutique in Mainz eröffnete, war der Andrang groß. Etwa 150 Gäste aus Wirtschaft und Fernsehbranche drängten sich plaudernd und Champagner nippend vor dem Geschäft nahe dem Dom. Seniorchef Hanspeter Wellendorff musste auf eine Kiste steigen, um sie zu begrüßen. „Hier in Mainz gibt es eine richtige Wellendorff-Gemeinde“, sagte er und begründete so die Wahl des Standorts. Die neue Boutique sei erst die vierte ihrer Art. Die Gäste klatschten.
Die anderen Filialen sind seit Jahresbeginn in Stuttgart, im Berliner Hotel Adlon und im Kaufhaus des Westens eröffnet worden. Und das mitten in der Wirtschaftskrise. „Auch in diesem etwas kritischen Jahr haben wir beachtliche Zuwächse in Deutschland zu verzeichnen“, sagte Wellendorff.
Wenn die Konjunktur an Krücken geht, scheint Sparen eine natürliche Reaktion. So plant derzeit knapp ein Drittel der Deutschen, ihr Geld in festverzinsliche Wertpapiere, Sparverträge, Sparbücher und ähnlich konservative Anlageformen zu investieren. Dies ergab die jüngst veröffentlichte Verbraucher-Analyse der Bauer Media Group und der Springer AG.
Mehr Geld auch für Schmuck
In Kontrast dazu meldet das Statistische Bundesamt, dass die Verbraucher im zweiten Quartal des Jahres 0,7 Prozent mehr Geld für den Konsum ausgegeben haben. Dieses Extra investierten die Bürger dabei offenbar nicht nur in Automobile, deren Kauf dank der Abwrackprämie gefördert wurde, sondern auch in Schmuck. Gegen den Trend meldet der Bundesverband der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte mit Sitz in Köln einen Umsatzzuwachs von bis zu fünf Prozent.
„Schon im letzten Drittel des vergangenen Jahres hatten wir überaus positive Zahlen, das hat sich so fortgesetzt“, sagt dessen Präsident Karl-Eugen Friedrich. Er führt dies vor allem auf den bleibenden Wert der Produkte zurück. Während Aktien und andere eher spekulative Anlageformen an Attraktivität verloren hätten, werde Schmuck immer mehr als Wertanlage betrachtet. Damit habe sich auch das Kaufverhalten geändert. „Der persönliche Finanzrahmen wird intensiver ausgenutzt“, sagt Friedrich. „Das führt dazu, dass wirklich hochwertige Stücke verstärkt nachgefragt werden.“
„Im Luxussegment wird nicht gespart“
Eine Einschätzung, die auch Frank Albrecht teilt, der Präsident des Landesverbands des Hessischen Einzelhandels. Zwar sei im Schnitt ein Umsatzrückgang von zwei bis drei Prozent zu verzeichnen. „Aber wir können nicht feststellen, dass im Luxusbereich gespart wird“, sagt der Frankfurter. Er vermutet, dass die Wirtschaftskrise weniger Vermögen im Rhein-Main-Gebiet vernichtet hat als befürchtet.
Außerdem spiele die Gewohnheit eine große Rolle. „Keine Frau wird sagen: Mein Mann hat Aktien verloren, ich kaufe mir jetzt keine Schuhe“, sagt Albrecht. Schwierigkeiten sieht er eher in der mittleren Preislage, beispielsweise bei Warenhäusern, die eine breite Masse von Kunden ansprechen wollten. „Aber ich glaube, wir werden aus der Krise mit einem blauen Auge herauskommen. Die Leute haben eine positive Kauflaune. Wenn das so anhält, dann müssen wir keine Angst vor einem problematischen Weihnachtsgeschäft haben.“
Second-hand-Schmuck läuft gut
Zurückhaltender gibt sich Stephan Friedrich, der zusammen mit seinem Bruder Christoph das Juweliergeschäft Friedrich in der Frankfurter Goethestraße führt. „Die Leute sind vorsichtiger bei den Einkäufen“, sagt er. Von einem Umsatzplus könne er nicht sprechen; er hoffe auf das Weihnachtsgeschäft, das er mit verschiedenen Werbeaktionen fördern werde. So werde am 15. November die neue Schmuckkollektion in der Villa Bonn präsentiert. Und auch die Buch-Serie „Das Schöne bleibt“ werde nach vier Jahren Pause mit dem inzwischen 15. Band fortgesetzt.
Neue Kunden soll zudem ein besonderes Schaufenster anziehen: Schon seit Jahren werden dort Uhren und Schmuck aus zweiter Hand angeboten – um mindestens 50 Prozent reduziert, teils von Privatleuten, teils von Banken in Kommission übernommen. „Im Moment übersteigt die Nachfrage das Angebot“, sagt Friedrich.
Diamantschleifer vor Publikum
Auch das Juweliergeschäft Wilhelm Stoess an der Wiesbadener Wilhelmstraße setzt auf Werbeaktionen, um die Kundschaft an sich zu binden. Sei es eine Sonderdekoration für eine Uhrenmarke oder sogar für ein einzelnes Modell. Oder Veranstaltungen, bei denen zum Beispiel ein Diamantschleifer vor Publikum seinem Handwerk nachgeht. „Wir erleben hierauf eine sehr gute Resonanz“, sagt Seniorchef Wolfgang Stoess. Er könne die Bedeutung der Kontaktpflege nicht hoch genug bewerten. Denn es werde „sparsamer gekauft, auf den Preis geschaut“. Der Umsatz sei bislang nicht nach unten gegangen. „Aber das hängt mit ein paar besonderen Verkäufen zusammen“, sagt Stoess zurückhaltend. Und fügt auf Nachfrage hinzu: „Es gibt ja Uhren, die gehen in die Hunderttausende.“
Zu den Marken, die Stoess neben eigenen Kreationen führt, gehört auch Wellendorff. Dass das deutsche Luxuslabel seinen Schmuck jetzt auch in einer eigenen Boutique quasi gegenüber in Mainz verkauft, beunruhigt den Juwelier nicht. Er sieht es vielmehr als zusätzliche Werbung und geht davon aus, dass die Kunden zum Kauf weiterhin nach Wiesbaden kommen. „Es ist durch Fachleute erwiesen, dass der kleinere Teil der Kunden in ein Geschäft wegen des Produkts kommt. Der größere Teil sucht das Haus auf wegen seiner Beratung und wegen des Services.“
