Mit Fiffi hinterm Vorhang
Ein schöner Bildband setzt den Frankfurter Traditionsgeschäften ein Denkmal. Es ist nicht zu früh dafür. Eines hat zwischen Drucklegung und Veröffentlichung schon geschlossen.
Von Inga Catharina Thomas, Frankfurt
Eine Tür ist nicht nur eine Verbindung zwischen zwei Räumen. Manchmal ist sie auch der Zugang zu einer anderen Zeit. Zum Beispiel im Haus Mainzer Landstraße 107. Wer hier den Salon von Friseur Schwab betritt, wird direkt in die 1950er Jahre katapultiert. Nussbaumholz prägt die Einrichtung, die hydraulischen Frisierstühle leuchten rot. Das Entgelt wird an der Kurbelkasse beglichen. Nur die Vorhänge, mit denen einst die einzelnen Frisierkabinen zugezogen wurden, fehlen. „Hier saßen die Kunden, die nicht gesehen werden wollten, wenn sie sich die Haare färben ließen oder wenn der Fiffi neu in Form gebracht wurde“, sagt Friseurgeselle Peter Hüttl, der hier 1971 seine Arbeit begann, damals noch in Schlips, Kragen und Kittel. Zu der Zeit seien Fiffis – oder Toupets, wie man heute sagt – schwer in Mode gewesen. Bis zu zwei Mal im Monat seien die Herren zum Waschen und Frisieren des Haarteils gekommen. „Die ganz Vornehmen hatten eine Schleife in der Kopfhaut eingesetzt, da wurde das Ganze dann dran festgebunden.“
Alteingesessene Geschäfte wie Friseur Schwab werden auch in Frankfurt immer seltener. Dass sie sich aber auch in Zeiten von Einkaufszentren und Kaufhaus-Ketten behaupten, davon zeugt das neue Buch „Zeitkonserven“ der Journalistin Julia Söhngen und des Fotografen Harald Schröder. Ein Jahr lang machten sich die beiden daran, die letzten Traditionsunternehmen der Stadt zu dokumentieren. Herausgekommen ist ein faszinierender Bildband bewegender, teils persönlicher Geschichten und Fotos, die ein Gefühl für Ort und Mensch erwecken. Gestern stellten die Autoren ihr Buch der Öffentlichkeit vor – in der Frankfurter Waagenfabrik Albert Jordan, eines der 30 porträtierten Unternehmen.
Berufs- und Privatleben sind eng verbunden
„Wir haben nichts gegen Shopping-Tempel“, sagt Söhngen. „Aber es gehört noch mehr zu einer Stadt. Die Traditionsgeschäfte sind ein Stück gelebtes Frankfurt.“ Um dieses in Buchform zu bewahren, habe es manchmal einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht. Nicht jeder der meist älteren Ladenbesitzer und Firmeninhaber habe sich sofort einverstanden gezeigt. „Aber wenn wir dann genauer erklärten, war das Interesse bald da.“
Wie richtig, aber auch dringend dieses Beharren war, hat sich bereits erwiesen. Eines der 30 vorgestellten Geschäfte, die Burg-Drogerie in Bornheim, hat im Frühjahr geschlossen. Umso bedauerlicher, weil sie ein typischer Vertreter der vorgestellten Traditionsgeschäfte war. Am Beispiel des 81 Jahre alten Inhabers Wolfgang Türschmann wurde deutlich, wie eng Berufs- und Privatleben verquickt sind. Tapfer stemmte er sich gegen die Konkurrenz von Schlecker und DM, punktete stattdessen schon mal mit einer Sonderbestellung Mottenkugeln bei der Stammkundschaft. Oder mit ausführlicher Beratung, wenn er zum Beispiel einem jungen Mann den korrekten Gebrauch von Fleckenwasser erklärte. „Da ist keine Oma mehr, die es erklären könnte“, sagte er. Und erzählte es selbst.
Alles wird repariert
Doch Traditionsgeschäfte müssen nicht zwangsweise der Vergangenheit zugewandt sein. Dass es auch anders geht, beweist unter anderem die Gärtnerei Schecker, die seit 1926 in Oberrad nach modernsten Gesichtspunkten Gemüse, Kräuter, Obst und Blumen anbaut – mit Blick auf die Skyline. Oder die 1894 gegründete Metzgerei Gref-Völsings an der Hanauer Landstraße, in der seit drei Generationen die Frauen den Laden schmeißen. Oder Wackers Kaffee, wo bereits die Enkel-Generation darauf wartet, im Betrieb einzusteigen.
Dennoch bereitet gerade das Lesen über die skurrilen, ausgefallenen Geschäfte ein besonderes Vergnügen. Etwa, wenn dort über das letzte Schirm-Geschäft der Stadt berichtet wird. Oder über die Puppen-Ärztin mit einem Herz für schwere Fälle. Heraus sticht auch Mohammed El Idrissi. Der gebürtige Marokkaner betreibt in der Niddastraße 64 – eingezwängt zwischen Multimediaagenturen und der Heinrich Böll Stiftung – eine Werkstatt, in der er Porzellan repariert. In Regalen, Vitrinen und auf überbordenden Tischen drängen sich hunderte Figuren, Teller, Tassen und schier unzähliges mehr. El Idrissi repariert alles.
1994 übernahm der gelernte Kunstmaler die Werkstatt vom Porzellan-Reparateur Schramm. Schnell geht hier nichts, zu aufwendig ist oft die Arbeit. „Einmal kam ein Mann zu mir mit vielen, vielen Scherben. Es war die Lieblingstasse seiner Frau, die ihm zerbrochen war. Können Sie mir helfen, fragte er mich“, erinnert sich El Idrissi. Er habe geantwortet: „Für das, was ich Ihnen dafür abnehmen muss, könnten Sie mindestens zehn neue Tassen kaufen.“ Aber dem Mann sei es egal gewesen. „Meine Frau sitzt zu Hause und weint“, habe er gesagt. Worauf El Idrissi entgegnete: „Das braucht sie nicht, ich bin ja da.“
„Zeitkonserven“ von Julia Söhngen und Harald Schröder ist im CoCon-Verlag erschienen und für 24,80 Euro erhältlich.
