Hauptschulabschluss und dann?
SZ-Serie "Ausbildung 2008": Spezielle Tipps für die Ausbildungsplatzsuche
Der Lehrstellenmarkt ist hart umkämpft. Mit Blick auf den doppelten Abitur-Jahrgang 2009 wird sich die Situation noch verschärfen. Besonders Hauptschüler drohen ins Hintertreffen zu geraten.
Von SZ-Redaktionsmitglied Inga Catharina Thomas
Saarbrücken/Saarlouis. Die Chancen für Hauptschüler auf dem Lehrstellenmarkt könnten rosiger sein: Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung ist bundesweit die Zahl der Lehrlinge mit Hauptschulabschluss zwischen den Jahren 2000 und 2006 um fast zwölf Prozent auf 52,4 Prozent gesunken. Von den Hauptschülern, die 2005 eine Ausbildung anstrebten, waren nur knapp 44 Prozent erfolgreich.
„Hauptschüler machen zwar den Großteil der Lehrlinge im Saarland aus, aber sie stehen in starker Konkurrenz zu Realschülern und Gymnasiasten“, sagt Günter Zahn, Teamleiter Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Saarlouis. Verschärfend kommt hinzu, dass theoretisches Wissen in bestimmten Berufen immer wichtiger wird. Aber auch, dass sich viele Jugendliche nicht von überkommenden Berufsbildern lösen. „Gerade Mädchen haben wenig Auswahl“, sagt Zahn. „Sie denken oft nur an Berufe wie Friseurin, Floristin oder Verkäuferin.“ Er rät zu einem möglichst breiten Spektrum an Alternativen. „Also nicht nur den Kfz-Mechatroniker ansehen, sondern auch Nachbarberufe wie Fahrzeuglackierer oder Karosseriebauer“, sagt er. „Diese stellen nicht so hohe Anforderungen in der Theorie und bieten teils bessere Verdienstchancen als überlaufene Modeberufe.“
Bei der Bewerbung brauchen Hauptschüler ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen, meint Zahn. „Ein guter Hauptschulabschluss ist meist mehr wert als eine schlechte Mittlere Reife“, hat er beobachtet. Besonders wichtig sei die Leistung in berufsrelevanten Fächern, zum Beispiel Mathe und Physik für technische Berufe. „Aber ich kenne auch ein Kaufhaus, dass auf die Note in Religion achtet“, sagt Zahn. Die dortige Personalchefin sei der Überzeugung, dass man in diesem Fach mit ein bisschen gutem Willen eine ordentliche Note erhalten könne. „Und Einsatzbereitschaft braucht man als Verkäuferin.“
Besonders pauken sollten Hauptschüler, die 2009 ihren Abschluss machen. „Dann kommt der doppelte Abi-Jahrgang“, kündigt Günter Zahn an. Bewerben sich sonst etwa 600 Abiturienten um eine Ausbildung, erwartet er dann bis zu 1400. Die Folge: Verdrängung von oben. „Ich kann nur raten, früh Kontakt zu Betrieben aufzunehmen und in den Ferien ein Schnupperpraktikum zu machen.“
Die saarländische Handwerkskammer sieht die Situation gelassener. „Über 60 Prozent unserer Lehrlinge sind Hauptschüler, nur knapp acht Prozent Gymnasiasten“, sagt Stefan Emser, Teamleiter Berufsausbildung. Er sieht Hauptschüler vielmehr im Vorteil: „Diese Jugendlichen können für Betriebe wesentlich wertvoller sein als ein Gymnasiast, der im Anschluss fortgeht und studiert.“
Bundesrat billigt Ausbildungsbonus für 100000 Lehrstellen
Berlin. Für die Ausbildung von schlecht qualifizierten Jugendlichen sollen Betriebe einen finanziellen Anreiz bekommen. Der Bundesrat billigte am Freitag den Ausbildungsbonus zur Schaffung von bis zu 100000 zusätzlichen Lehrstellen. Der Bonus soll Betriebe motivieren, Schulabbrecher, Sonderschüler oder Jugendliche mit schlechten Noten einzustellen. Dafür sind Zuschüsse zwischen 4000 und 6000 Euro vorgesehen. Der Bonus ist bis Ende 2010 befristet. Er wird die Bundesagentur für Arbeit (BA) rund 450 Millionen Euro kosten.
Nach der jüngsten Berufsbildungsstatistik bemühte sich etwa jeder zweite Bewerber länger als ein Jahr um einen Ausbildungsplatz. Im Saarland allein trifft der Ausbildungsbonus auf bis zu 850 Jugendliche zu, so die Regionaldirektion der BA in Saarbrücken. Leiter Otto-Werner Schade ist der Ansicht, dass der Ausbildungsbonus vorm Hintergrund des demographischen Wandels auch den Betrieben Vorteile bringe. Demnach würden diese „in naher Zukunft in einem harten Wettbewerb um die Gunst qualifizierter junger Mitarbeiter stehen. Nur wer heute ausbildet – auch Jugendliche mit Handicaps – wird morgen über die nötigen Fachkräfte verfügen“. dpa/red
